Out of Ideas
Der Junge

Während der Zeit der Spanischen Grippe 1918 bis 1920 starben mehr als 25 Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Die, denen das Schicksal nicht wohl gesonnen war, verloren zuerst Freunde, Ehepartner, Kinder, Geschwister und Eltern bevor sie selbst der Krankheit erlagen.
Zu ihnen gehörte ein kleiner Junge, gerade 6 oder 7 Jahre alt, der nach der ersten Grippewelle niemanden mehr auf dieser Welt hatte. Er war dem Grauen mit offenen Augen begegnet und wollte nun in seiner kindlichen Neugier dem, der ihm Eltern und Geschwister geraubt hatte, begegnen. Er wollte den Tod persönlich kennen lernen.
So beschloss der Junge, zuerst auf die Suche nach Informationen zu gehen. Sicher hatte niemand etwas dagegen, einem Kind ein paar Geschichten zu erzählen, wie seine Großmutter es immer getan hatte.
Er streifte durch die Stadt, sah ängstliche, angespannte, nahezu panische Gesichter. Nichts war wie früher, als überall Kinder fröhlich um die Wette liefen und Verstecken spielten und die Erwachsenen eifrig ihren Geschäften nachgingen.
Plötzlich erblickte der Junge einen Mann, der im Gegensatz zu allen anderen seltsam ruhig am Straßenrand saß. Er hüpfte schnell hinüber und bat  ihn, sich zu ihm setzen zu dürfen.
Der Blick des Mannes, bis dahin stumpf und abwesend, klärte sich rasch und auf seinem Gesicht breitete sich ein schiefes Lächeln aus. Wahrscheinlich hatte ihn lange keiner mehr angesprochen, zumindest nicht so höflich. „Darfst du denn hier allein herumstreunen? Macht sich deine Mutter keine Sorgen, wo du bleibst?“, fragte er.
Der Junge antwortete traurig: „Meine Mutter ist letzte Woche zum Herrn in den Himmel gefahren. Genau wie der Rest meiner Familie. Sie sind alle fort.“
Auf die teilnehmende Miene des Mannes fügte er hinzu: „Jedoch bin ich nicht hier, um Mitleid zu erregen.“ Er lächelte einnehmend. „Ich möchte Sie bitten, mir etwas zu erzählen.“
„Was möchtest du denn wissen?“, fragte der nun aufmerksam gewordene Mann.
Der kleine Junge fragte arglos: „Wer ist der Tod?“
Auf diese Frage wusste der Mann keine Antwort. Er stand auf und murrte den Jungen an: „Geh lieber nach Hause, wo auch immer das ist.“ Dann verschwand er ohne ein weiteres Wort.
Einen Moment lang saß der Junge verwirrt da, aber er wollte noch lange nicht aufgeben.
Darum erhob er sich, klopfte den Staub von seiner Hose und lief weiter durch die Straßen.
Er stellte noch vielen Menschen immer wieder dieselbe Frage, doch jene, die ihn nicht ignorierten oder erbost anstarrten, konnten ihm auch keine Antwort geben.
Der Junge begann zu grübeln, ob es den Tod überhaupt gab oder ob ihn seine Familie einfach verlassen hatte, weil sie ihn nicht wollten. Er war immer der Schwächling, die zarte Seele gewesen. Zwar war er intelligent, aber was nützte das schon in einer mittelständischen Familie, in der ehrliche Arbeit mehr zählte als intellektuelle Befähigungen. Er war klein und zart – und doch hatte er überlebt. Nicht seine untadelige Mutter, nicht sein starker Vater, auch nicht seine schönen Schwestern oder seine großen Brüder, die den Stolz jeder Mutter geweckt hätten. Nein, ER lebte noch. Er, der für sein Leben gern las und Gedichte schrieb. Er, der seinem Vater selbst im Angesicht des nahenden Todes kein liebevolles Wort entlocken konnte. Er, der nie gewollt worden war.
Der Junge raffte sich auf, wischte eine Träne aus dem Augenwinkel und suchte weiter nach Wissen um den Tod. Er verbrachte lange Zeit damit, jedem, dem er begegnete, seine Frage zu stellen und fand keinen einzigen, der eine Antwort fand.
Schließlich suchte er sich einen Unterschlupf für die Nacht – er hatte sich zu weit von seinem Heim entfernt, um noch vor Eintritt der Dunkelheit wieder dort zu sein. Und vor allem in dieser Zeit des Chaos sollte man die Straßen nachts meiden.
In einem Schuppen, dessen Tor ein Spalt weit offen stand, richtete sich der Junge ein Nest aus Stroh ein und fiel bald in einen leichten Dämmerzustand. Er träumte, dass er einen glücklichen Tag mit seinen Eltern verbrachte, als ein Knarren die nächtliche Stille durchriss. Sofort hellwach, setzte sich der Junge auf und horchte in die Dunkelheit. Plötzlich erklang eine sanfte weibliche Stimme: „Guten Abend, mein Junge. Es ist nicht nötig, dass du Angst hast. Ich möchte mich nur gern mit dir unterhalten.“
Trotz der freundlichen Worte zitterte der Junge, als unmittelbar vor seinem Gesicht eine Kerze entzündet wurde und er die Frau sah.
Sie war älter, als ihre Stimme vermuten ließ, uralt und faltig. Alt genug, um des Jungen Urgroßmutter zu sein und doch wirkten ihre Augen so jung. Sie blickten den Jungen wach und aufmerksam, aber auch sehr warm und freundlich an. Er konnte nicht anders als sich in ihrer Nähe wohl zu fühlen, denn sie vermittelte ein Gefühl von Heimat und der Liebe, die er nie erfahren hatte.
Sie fragte: „Liege ich recht in der Annahme, dass du den ganzen Tag auf der Suche nach einer Antwort warst?“
„Ja, das war ich.“, erwiderte er in höflichem Ton, aber Neugier und Ungeduld waren ihm deutlich anzumerken.
Die Alte lächelte – eine fließende Bewegung von abertausenden Falten. „Wie lautete denn deine Frage? Möchtest du sie noch ein einziges Mal stellen? Vielleicht könnte ich dir ja die Antwort geben, nach der du so entschlossen suchst.“
Ein kleiner Hoffnungsschimmer erleuchtete die ernsten Kinderaugen. „Ich hoffe wirklich sehr, dass Sie mir helfen können. Bisher war meine Suche ohne jeglichen Erfolg.“
Und er stellte wieder dieselbe Frage: „Wer ist der Tod?“
Lange überlegte die Frau. So lange, dass der Junge überlegte, ob sie vielleicht eingeschlafen sei.
Schließlich seufzte sie und bemerkte: „Du bist wirklich ein außergewöhnliches Kind.“ Sie lachte laut. „Der wahrscheinlich jüngste Philosoph, der mir je begegnet ist!“ Ihr ganzer Körper zuckte vor Lachen; ihre Falten wogten wie ein stürmischer Ozean.
„Ich verstehe nicht…“, stammelte der kleine Junge. Ihr Gelächter erinnerte ihn an den Hohn seiner Familie ihm gegenüber und stimmte ihn sofort traurig.
Die Frau stellte ihr Lachen ein und sah ihm tief in die Augen. „Du bist etwas ganz besonderes. Denkst du, andere Kinder in deinem Alter beschäftigen sich näher mit dem Tod? Für sie ist er einfach da – genau wie Wolken am Himmel und Würmer in der Erde sind. Sie finden es natürlich traurig, wenn Mutter oder Vater sterben, aber sie kommen ja in den Himmel. Friede, Freude, Eierkuchen. Alles wird gut. Sie werden auf bauschigen Wölkchen ruhen, mit Gottes Engeln herumtollen, mit Petrus Schach spielen…was weiß ich! Du hingegen forschst nach, suchst nach den Hintergründen, willst nicht so recht an die reine Göttlichkeit glauben. Ist der Tod eine Person, der Sensenmann, Gevatter Tod? Wenn dies zutrifft, erscheint er wirklich in Gestalt eines Skelettes oder vielleicht in Form eines lebendigen Menschen? Oder ist er nur eine Tatsache, eine Konstante, die sich berechnen lässt oder nicht, etwas Natürliches, welches jeden Menschen erbarmungslos trifft? Wartet am Ende doch auf alle dasselbe Schicksal: Dunkelheit? Weder Himmel noch Hölle? Ich weiß es nicht und kein Mensch auf dieser Welt wird eine befriedigende Antwort auf deine Frage wissen. Jedoch vermute ich, dass der Tod sehr wohl etwas Endgültiges ist, ohne Ausweg und ohne Wiederkehr. Sicher kann ich mir dabei nicht sein; was ich genau so wenig weiß, ist nämlich, ob mein Geist nur zu beschränkt ist, um das alles begreifen zu können.“
Von diesem Wortschwall war der Junge zunächst erschrocken. Er konnte nicht anders, als die Alte entgeistert anzusehen. Doch lag die Ursache dafür nicht darin, dass er erschüttert war über solch eine Gotteslästerung, sondern, dass er der Frau grenzenlose Bewunderung entgegenbrachte.

Er hatte von klein auf gelernt, Gott zu fürchten. Zu gestehen, dass er dies immer schon angezweifelt hatte, hätte ihm noch größere Ungunst eingebracht. Manchmal war es besser, zu schweigen.

Diese herzliche alte Frau hatte ihm bereits mehr Liebe entgegengebracht als seine eigene Mutter zu ihren Lebzeiten. Er lächelte sie scheu an und bat: "Darf ich bei Dir bleiben? Ich habe meine Familie verloren und bin ganz allein. Außerdem würde ich gern mehr wissen über die Dinge von denen du sprachst. Bitte, liebe Alte, nimmst du mich mit? Das Lächeln der Frau erhellte den ganzen Raum, als sie den Jungen  in die Arme schloss.

12.7.09 19:52
 


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